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Datum: 15.6.2022
Kategorien: Artikel, MAP in der Praxis

Interview: Als MAP auch konsumentenferne Sektoren fördern und fordern

© FONAP

Die Multi-Akteurs-Partnerschaft Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP) besteht seit sechs Jahren, sie hat erneut ihren jährlichen Fortschrittsbericht veröffentlicht. Zu den Ergebnissen sprachen wir mit Ljudmila Metzdorf, Leiterin des Sekretariats des Forums.

Das Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP) ist ein Zusammenschluss von über 50 Mitgliedern bestehend aus Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen, Verbänden, dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Das Forum wurde im September 2013 ins Leben gerufen und ist seit November 2015 als Verein organisiert. Ziel des FONAP ist die Förderung nachhaltig gestalteter Agrarlieferketten mit dem Fokus auf Palmöl. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Lieferkettentransparenz und dem sachlichen Dialog rund um den Rohstoff. Alle Mitglieder des Forums Nachhaltiges Palmöl haben sich öffentlich dazu verpflichtet, nur zertifiziertes, nachhaltig produziertes Palmöl zu verwenden.

2020/21 war nicht nur wegen der Coronazeit für FONAP reich an Lernerfahrungen und wichtigen Entwicklungen. Die erfolgreiche digitale Teilnahme im Januar an der Internationale Grünen Woche und die Entwicklung des Ratgebers „Besser Einkaufen“ waren der Auftakt.

Das Deutsche Institut für Menschenrechte hat in enger Kooperation mit dem FONAP eine Studie zu Menschenrechten im Palmolsektor durchgeführt. Ziel der Studie war es, menschenrechtliche Herausforderungen im Palmolsektor zu beleuchten und Handlungsansätze zu erarbeiten. Die Arbeit an unser regelmäßigen Palmölmarktstudie sowie einer Studie zum Wirkungsmonitoring von Zertifizierungssystemen für nachhaltiges Palmöl bestätigen, dass FONAP und seine Mitglieder mit den Aktivitäten einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der nachhaltigen Produktion von Industrie- und Konsumgütern leisten. Darüber hinaus haben die Mitglieder die strategisch-operative Agenda und die Zielsetzung überarbeitet.

Die Palmölproduktion hat insbesondere wegen des weltweit steigenden Fett- und Ölbedarfs weiter zugenommen. Im Zeitraum von 2009 bis 2019 ist sie von 46 Millionen Tonnen auf 76 Millionen Tonnen gestiegen, und der Trend hält weiter an.

Pflanzenöle aus Kokos, Sonnenblumenkernen oder Raps weisen nicht das Maß an vielseitiger Verwertbarkeit wie Palmöl auf. Zudem benötigen sie mehr Anbaufläche als Ölpalmen. Für rund 3,3 Tonnen Palmöl wird etwa ein Hektar benötigt, für die gleiche Menge Sojaöl sind es sieben Hektar Anbaufläche, für Kokos, Sonnenblumenöl und Raps sind es um die vier Hektar.

Es gilt insbesondere in den kommenden Jahren, dass Spannungsfeld zwischen Ernährungssicherung und Landschaftsschutz aufzulösen. Bislang liegt der Anteil von ökologisch und sozial verträglichem Palmöl weltweit erst bei rund 25 Prozent. Von Land zu Land ist die Nutzung von nachhaltig produziertem Palmöl sehr unterschiedlich. In Deutschland wurden 2019 1,26 Millionen Tonnen Palmöl verbraucht, davon waren durchschnittlich 83 Prozent nachhaltig erzeugt und zertifiziert – im internationalen Vergleich ein überdurchschnittlich hoher Anteil!

Dieser unterscheidet sich jedoch stark je nach Sektoren. Palmöl findet Verwendung bei der Herstellung von Lebensmitteln, in der chemischen und in der pharmazeutischen Industrie, bei Futtermitteln und bei der Energiegewinnung, wobei letzterer nicht zum Arbeitsbereich von FONAP gehört. In der deutschen Lebensmittelindustrie wird bereits zu 90 Prozent nachhaltiges Palmöl eingesetzt, während der Anteil im Derivatebereich und bei den Futtermitteln deutlich darunter liegt. Hier gilt es, die Herausforderungen besser zu verstehen und gemeinsam mit den relevanten Akteuren entlang der Lieferkette Lösungsansätze – auch im Hinblick auf mehr Transparenz – zu entwickeln. FONAP setzt sich dafür ein, dass in allen Sektoren ausschließlich nachhaltiges Palmöl verwendet wird, in Deutschland sowie international.

FONAP und seine Mitglieder sind in der einzigartigen Position, um als Multi-Stakeholder-Initiative, Informationsplattform und technischer Ratgeber weitere Sektoren (z.B. Futtermittel, Chemie, Pharmazie) so erfolgreich zu unterstützen, wie dies bisher vor allem in der Lebensmittelindustrie der Fall war. Auch das freiwillige Engagement der Mitglieder in den Anbauregionen ist beispielhaft. Unser kollektives Mitgliedsprojekt in Indonesien startete im März 2022 (s.u.).

FONAP ist inzwischen als Kompetenzzentrum international anerkannt und trägt mit konkreten Aktivitäten zur differenzierten Kommunikation rund um das Thema Palmöl bei. Das Forum ist seit 2015 als Verein organisiert, seine Mitglieder haben seither viel wertvolle Arbeit geleistet, um den Anteil zertifiziert nachhaltigen Palm(kern)öls in Deutschland zu erhöhen.

Deutschland zählt im internationalen Vergleich nicht zu den größten Verbrauchern von Palmöl, dennoch haben Initiativen und Beiträge aus Deutschland oft eine Signalwirkung, insbesondere im europäischen Kontext. Dazu zählen in jüngerer Zeit etwa das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz oder der EU-Vorschlag einer Verordnung zu Entwaldungsfreien Produkten.

FONAP setzt sich auch in den Erzeugerländern für die ökologisch und sozial verträgliche Palmöl-Produktion ein. Ein Beispiel ist die Unterstützung von Landwirt*innen in Jambi, Indonesien. Über unsere Partnerorganisation FORTASBI bieten wir Trainings zu nachhaltigerem Landschaftsmanagement (u.a. Boden- und Wasserschutz, soziale Forstwirtschaft) und regenerativer Landwirtschaft an. Kollektive Projekte wie dieses oder das Vorgängerprojekt mit Wild Asia und WWF in Malaysia werden vollständig aus freiwilligen Beiträgen von FONAP-Mitgliedern finanziert.

Zunächst einmal haben sich alle Mitglieder verpflichtet, zu 100 Prozent zertifiziertes Palmöl zu nutzen. – Das ist eine Voraussetzung, um Mitglied im FONAP werden zu können. Die Einhaltung dieses Ziels wird im Rahmen einer jährlichen Berichterstattung überprüft. 

Es hat sich gezeigt, dass es für die Transformation des Marktes für Palmöl von Vorteil ist, dass FONAP eine Multi-Akteurs-Partnerschaft ist. Zu den Mitgliedern zählen neben dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Unternehmen (Händler, Hersteller, Handelspartner), NGOs und Verbände. Der Verein hat Akteure zusammengebracht, die zuvor nicht untereinander im Austausch waren. Um einen Wandel in der Größenordnung herbeizuführen, ist diese Form der vorwettbewerblichen Zusammenarbeit sehr hilfreich.