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Datum: 2.7.2020
Kategorien: Artikel

Äthiopien: Gemeinsam besseren Kaffee ernten

Die Initiative für nachhaltige Agrarlieferketten fördert in Äthiopien den Aufbau einer nachhaltigen Anbauregion. Hochwertiger Kaffee und Imkereiprodukte sollen Bauern ein höheres Einkommen sichern.

Jedes Jahr zur Erntezeit zieht Tinsae Abebe mit seiner Familie in den Wald. Dann sind die wilden Kaffeekirschen reif – und die äthiopische Familie pflückt sie. „Die Kaffeebäume sind hier von selbst gewachsen“, sagt Tinsae Abebe, „wir haben sie nicht gepflanzt oder versetzt und nutzen keinen Dünger.“

Das schont den Wald, der noch immer fast 80 Prozent des Distrikts Nono Sale im Südwesten Äthiopiens bedeckt. Für Tinsae Abebe hingegen ist es viel Arbeit zu einem geringen Verdienst. Gerade einmal 80 Cent verdient eine äthiopische Familie täglich mit der Kaffeeproduktion. Dies reicht nicht, um ein angemessenes Leben führen zu können.

Dadurch wächst der Druck auf den Wald. Um mehr zu verdienen, erhöhen viele Bäuerinnen und Bauern die Anzahl der Kaffeebäume oder schwenken auf andere Arten der Landnutzung um. Beides geht zu Lasten der Natur. Wie kann man beiden gleichermaßen gerecht werden: den Menschen und den Bäumen?

 

Qualität statt Massenmarkt

Auch Fita Kedir pflückt in Nono Sale Waldkaffee. Er hat im März 2020 einen Erfolg gefeiert: Beim internationalen „Cup of Excellence“-Wettbewerb wurde sein Kaffee unter die besten 140 von mehr als 1300 eingereichten Proben gewählt. Wie ist es dazu gekommen?

Fita Kedir nimmt wie Tinsae Abebe am Pilotprojekt Innovations for Sustainable Agricultural Supply Chains in Ethiopia (ISASE) teil, das die Initiative für nachhaltige Agrarlieferketten (INA) im September 2019 ins Leben gerufen hat. Statt immer mehr Kaffee für den Massenmarkt zu produzieren, verfeinern die Kleinbäuerinnen und -bauern ihre Praktiken. „So wie wir jetzt arbeiten, sichern wir die gute Qualität unseres Kaffees“, erzählt Fita Kedir.

Das allein ist aber nicht genug. Fita Kedirs Kaffee etwa ist von hoher Qualität – wenn er ihn trotzdem auf dem Massenmarkt verkaufen muss, hat er davon wenig. Hier kommen die anderen Partner ins Spiel, die in der INA versammelt sind.

Blockchain und Bienenwachs

Neben Kaffee setzt ISASE noch auf einen zweiten Rohstoff. Aus den Wäldern Nono Sales kommt nämlich nicht nur einzigartiger Kaffee, sondern auch Bienenwachs ohne Pestizidrückstände. Vor allem in der Kosmetikindustrie ist das ein gefragter Rohstoff – den die Imker*innen bislang meist als Abfall entsorgen. Ihn auf dem Weltmarkt zu verkaufen, könnte Familien ein weiteres finanzielles Standbein bieten. ISASE arbeitet daher mit deutschen Wachs-Unternehmen zusammen.

Um die Produkte auf höherpreisige Märkte zu bringen, kommt ein digital gestütztes Rückverfolgbarkeitssystem zum Einsatz, das an einen globalen Marktplatz für Spezialitätenkaffee angebunden ist. Im System werden sämtliche Schnittstellen entlang der Lieferkette erfasst und fälschungssicher in einer Blockchain gespeichert. Dadurch erhalten die Waren eine Identität – und internationale Käufer einen Anreiz, mehr für sie zu zahlen.

Das Ziel des ISASE-Projekts ist der Aufbau einer nachhaltigen Anbauregion, in der wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt werden. Für Fita Kedir ist das eigentlich selbstverständlich: „Der Wald wird von Generation zu Generation vererbt und ist eng mit unserer Identität verbunden“, erzählt er.

Was ist die Initiative für Nachhaltige Agrarlieferketten?

Die Initiative für nachhaltige Agrarlieferketten (INA) ist ein Zusammenschluss von etwa 70 Akteuren aus Privatwirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Sie arbeitet für entwaldungsfreie Lieferketten und existenzsichernde Einkommen, ist Umsetzungsplattform in Partnerländern und Wissensplattform für ihre Akteur*innen. Dabei setzt sie auf die Entwicklung nachhaltiger Anbauregionen, in denen ein rohstoffübergreifender Ansatz zum Tragen kommt. Als Teil des Programms Nachhaltige Agrarlieferketten und Standards, das die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung durchführt, arbeitet sie eng mit Kolleg*innen in der GIZ zusammen, die über langjährige Expertise zu einzelnen Rohstoffen verfügen.

Mit dem Podcast „Vom Feld ins Regal” bietet die INA Gespräche mit Expertinnen und Experten für globale Agrarlieferketten und informiert so eine wachsende Zuhörerschaft.

Links

Infovideo zum Projekt: Link

Website der INA: www.nachhaltige-agrarlieferketten.org

Podcast: https://open.spotify.com/show/0G67ffLZvuqc2qBjbtJJIq